Haftbedingungen im Gefängnis von Strasbourg – Brief einiger Gefangener

Der folgende Brief wurde von 18 Gefangenen aus dem Strasbourger Gefängnis unterzeichnet. Er ist an Abgeordnete des Europäischen Parlaments gerichtet, aber auch für die Öffentlichkeit bestimmt.

Dies ist ein Brief von mehreren Gefangenen über die schlechten Haftbedingungen im Maison d‘arret de Strasbourg. Wir haben uns entschlossen diesen Brief zu verfassen, weil die Missstände in diesem Gefängnis teilweise menschenunwürdige Ausmaße annehmen. Uns ist bewusst, dass es sich hierbei um keinen Einzelfall innerhalb des französischen Strafvollzugs handelt, sondern vielmehr um die Normalität. Folgende Beispiele möchten wir zur Verdeutlichung aufzählen:

1.Das Strasburger Gefängnis hat 446 Plätze und ca. 730 Inhaftierte (Quelle:Tageszeitung DNA v. 05.05.2009). In den letzten anderthalb Monaten sind 272 neue Gefangene hier angekommen. Um diese chronische Überbelegung überhaupt möglich zu machen, werden die 8 m² großen Einzelzellen durch das Aufstellen von Doppelstockbetten zu Zweierzellen umfunktioniert. So bleibt jedem Gefangenen eine Flächevon 4m²-einschließlich Toilette. An Privatsphäre ist so überhaupt nicht zu denken. Weiterhin sind die Fenster doppelt vergittert. Soweit uns bekannt ist, entspricht auch dies nicht den europäischen Standards. Der fehlende Ausblick läßt die Zelle noch kleiner wirken und erzeugt eine zusätzliche psychische Belastung. Diese menschenunwürdige Unterbringung führt automatisch zu Aggressionen. Gewalttätige Auseinandersetzungen finden häufig statt. Oft greifen die Wachen nicht ein.

2.Die hygienischen Zustände sind miserabel. Das gesamte Gefängnis ist verdreckt und auch die einzelnen Zellen sind in einem schlechten Zustand. In den Zellen für Neuankömmlinge gibt es noch nicht einmal Toilettenbrillen. Die Duschen sind verkeimt und es schimmelt.. Bei
einigen kommt das Wasser nur tropfenweise aus der Leitung. Der gesamte Hofbereich ist mit Müll übersät. Es gibt keine Mülleimer. Für die Menschen, die keine Bezugspersonen in der näheren Umgebung haben, ist es unmöglich, die Wäsche waschen zu lassen. Wer Glück hat, besitzt einen Eimer oder einen Topf und kann die Kleidung darin „waschen“. Regelmäßig fließendes Warmwasser gibt es nicht, so müssen alle Sachen kalt gewaschen werden. Toilettenpapier ist Mangelware. Wer kein Geld hat, muß mit einer Rolle zwei Wochen lang auskommen. Die Bettwäsche und die Matratzen sind fleckig und riechen streng. Die Kopfkissen aus Schaumstoff sind voller Haare… Die zwei kleinen Handtücher, die man für zwei Wochen Duschen und Waschen erhält, sind oft beschädigt und auch fleckig.

3.Fehlende Organisation und Überlastung der Verwaltung sind allgegenwärtig. So werden Anträge für Aktivitäten (Sport, Schule , etc.) zum Teil erst nach Monaten beantwortet. Aber selbst dann ist eine Erlaubnis für die Teilnahme fragwürdig, da sich die Überbelegung auch hier auswirkt. Es gibt schlicht zu wenig Plätze. Manche Sozialarbeiter_innen antworten nicht auf Gesprächsanfragen. Aussagen zu bestimmten Abläufen, bzw. über Sachen, die verboten oder erlaubt sind, sind oft widersprüchlich und erschweren es Außenstehenden, die Inhaftierten zu unterstützen. Bei der Ankunft im Gefängnis gibt es kaum Informationen über interne Abläufe. Wer kein Französisch spricht, hat es doppelt schwer, denn es gibt keine Übersetzer_innen.

4.Besuchsanträge von Anwält_innen und Familienangehörigen brauchen ebenfalls Wochen bis Monate für die Bearbeitung.

5.Nach einem Suizidversuch eines Gefangenen mußten seine Zellengenossen (6-Personen-Zelle) das Blut selbst wegwischen. Es gab keinerlei psychologische Betreuung. Nach dem erneutem Selbstmordversuch wurde die betreffende Person nach der ärztlichen Behandlung zur Bestrafung in einer Stehzelle untergebracht. Nach der Rückkehr in seine Zelle wurde es lediglich medikamentös behandelt. Eine psychologische Betreuung erfolgte auch hier nicht.

6.In der medizinischen Versorgung gibt es ebenfalls Mängel. Vielfach werden Anträge für eine Behandlung ignoriert. Einem russischen Kriegsveteranen mit erheblichen körperlichen Einschränkungen (Patronen- und Granatsplitter im Körper) wurde ein dringend benötigtes Beatmungsgerät nicht genehmigt. Einem Suchtkranken wurde engegen dem Anraten seiner Hausärzte die Versorgung mit ausreichenden Madikamenten verwehrt. Andererseits gibt es Fälle, bei denen leichte Schlafstörungen mit starken Beruhigungsmitteln in hohen Dosen behandelt werden (Valium, Nozinan, Catapressan, u.a.). Menschen, die sich mit diesen Wirkstoffen nicht auskennen- und das kann kein Arzt vorraussetzen- können so leicht in eine Tablettenabhängigkeit geraten. Eine weitere Folge von Tablettenausgabe in grossen Mengen ist der blühende Handel unter den Gefangenen.
Alle Gefangenen werden standardmäßig im Brustbereich geröngt, ohne Anzeichen von Lungenkrankheiten. Die Möglichkeit einer Verweigerung besteht nicht, bzw. wird auch auf Nachfrage nicht darauf hingewiesen.

Da sich auch nach den Protesten des Gefängnispersonals (Anfang Mai 2009) für die Gefangenen nichts geändert hat, fordern wir die Verbesserung der Haftbedingungen für alle Gefangenen. Ein erster Schritt wäre die Beseitigung der aufgeführten Missstände. Auf Ihren Wunsch könnten wir die Forderungen konkretisieren.

An Sie haben wir folgende Bitten:
1. eine öffentliche Stellungnahme zu diesem Thema
2. Thematisierung dieser Zustände im EU-Parlament
3. Information zur Sachlage:Was ist im EU-Parlament zu der Thematik
bereits geschehen?
4. Veröffentlichung dieses Briefes und Weiterleitung an andere
zuständige Stellen.
Die Unterschriftenliste soll jedoch nicht veröffentlicht werden. Sie soll lediglich den Forderungen Nachdruck verleihen.

Wir laden Sie und andere Abgeordnete herzlich ein, ins Gefängnis von Strasburg zu kommen und sich selbst ein Bild von den Zuständen zu machen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Hilfe!

Datum: 15.Juni.2009


5 Antworten auf „Haftbedingungen im Gefängnis von Strasbourg – Brief einiger Gefangener“


  1. 1 Mareike 15. Januar 2010 um 12:12 Uhr

    Bei solchen Berichten überlegt man es sich zwei Mal, ob man es wirklich noch riskieren kann, an Demos teilzunehmen. Solcbe abschreckenden Beschreibungen tragen nicht dazu bei, Solidarität und Kampfbereitschaft zu wecken sondern führen nur dazu, dass man seinen bescheidenen Luxus daheim plötzlich in einem ganz anderen Licht sieht. Es geht uns wohl immer noch nicht schlecht genug.

  1. 1 Milan Horacek ehemaliges Mitglied im Europaparlement zu den Knastbedingungen in Strasbourg und der EU « Solidarität mit den Gefangenen von Strasbourg! Pingback am 04. August 2009 um 22:29 Uhr
  2. 2 Ankündigung: Berufungsprozess gegen Anti-Nato-Aktivisten am Mi. 05.08.2009, Colmar « Solidarität mit den Gefangenen von Strasbourg! Pingback am 04. August 2009 um 23:11 Uhr
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  4. 4 Strasbourger Gericht zeigt Härte « Solidarität mit den Gefangenen von Strasbourg! Pingback am 18. November 2009 um 1:29 Uhr
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